„Wer sehr hässlich ist oder von schlechter Herkunft oder einsam und kinderlos kann nicht glücklich sein.“ (Aristoteles)


Aristoteles’ Ansicht in allen Ehren, aber das mit der Einsamkeit wollen wir uns einmal genauer anschauen. Zumeist gilt ja, wie beim alten Griechen, Geselligkeit als erstrebenswert, das Für-sich-sein hingegen als eher zu vermeiden. Was auch nicht so verwunderlich ist, schließlich braucht es zum alleine Sein niemand anderen; Geselligkeit hingegen bedarf naturgemäß stets weiterer Menschen, es liegt also nicht nur bei einem selbst, ob man sich ihr hingeben kann. Letzteres ist somit schwieriger zu erreichen als Ersteres, und das, was schwieriger zu erreichen ist, gilt ja für gewöhnlich als wertvoller als das, was sich einfacher verwirklichen lässt.

Trotzdem hat auch das Für-sich-sein zahlreiche Vorzüge, die einerseits in Geselligkeit nicht zu haben sind, und durch die auch gerade die Geselligkeit erst richtig gewinnbringend wird. Ebenso ist es auch nicht immer ganz so einfach zu erreichen, wie man gemeinhin glaubt. Es gibt beim Für-sich-sein zwei unterschiedliche Formen, die Einsamkeit und das Alleinsein. Hier soll es nicht um erzwungene Einsamkeit gehen, die man viel lieber hinter sich lassen würde, wenn man nur könnte; auch nicht um Einsiedlertum, bei dem bewusst und dauerhaft die Nähe anderer gemieden wird; sondern um Alleinsein als Pause vom Geselligen, als absichtlicher und selbst gewählter Zustand. Dieses Alleinsein mag für den Einen wichtiger sein als für den Anderen, bietet aber doch für alle Vorteile.

Allgemein gibt es drei Aspekte des Alleinseins, die in Wissenschaft und Kunst als vorteilhaft gesehen werden:

„Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da, der ihm was tut.“ (Wilhelm Busch)
Zunächst einmal kann man alleine tun und lassen, was man möchte, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen (freiwillig oder unfreiwillig), was andere machen wollen. Wann immer man etwas zu mehreren unternimmt, und sei es nur zu zweit, ist es nicht unwahrscheinlich, dass nicht jeder der Teilnehmer das am liebsten machen würde, was gerade getan wird; egal, ob es sich um die Auswahl eines Kinofilms handelt, die Entscheidung, in welche Bar man geht, oder darum, welches Brettspiel man spielt. Man passt sich also an, geht einen Kompromiss ein. Daran ist für sich genommen nichts verkehrt, Kompromissbereitschaft und überhaupt Kompromissfähigkeit ist im Gegenteil etwas sehr Positives, vielleicht Unverzichtbares. Doch ist es als Ausgleich dazu ebenso wichtig, auch mal nur das machen zu können, was man machen will, wann man will, wie man will. Andernfalls kann auch der größte Kompromisswillen dazu führen, sich irgendwann zurückgesetzt zu fühlen, und das nicht nur, wenn man meint, immer derjenige zu sein, der nachgibt. Außerdem kann durch das Ausleben der eigenen Interessen alleine auch der Spaß daran steigen, etwas mit anderen zu machen, was man von selbst vielleicht nie tun würde.

„Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Das führt uns zum zweiten Punkt: Was will man überhaupt machen? Alleine kann man in Ruhe nachdenken und sich darüber klar werden, was man eigentlich möchte. Während in der Gruppe meist eine Entscheidung über eine Aktivität gefällt wird, mit der sich alle anfreunden können, ohne notwendigerweise brennend daran interessiert zu sein, kommt es beim Alleinsein darauf an, zu wissen, wie man seine Zeit am liebsten verbringen möchte. Weiß man dies nicht sowieso schon, bietet sich nun die Gelegenheit, es herauszufinden; im stetigen Aktivitätsstrom der Gruppe bleibt dazu selten Zeit. Und ist man sich erst mal darüber im Klaren, fördert das wiederum das Gruppenleben, denn dann kann man nicht nur eigene Ideen einbringen, sondern auch mal dankend ablehnen, wenn einem etwas gar nicht liegt. Abgesehen davon gibt es auch jede Menge Aktivitäten, die eigentlich nur alleine ausgeführt werden können, zum Beispiel ein Buch zu lesen.

„Einsamkeit ist das Los aller hervorragender Geister.“ (Arthur Schopenhauer)
Was hier eher negativ klingt, hat auch seine positiven Seiten, denn: Drittens sind es nicht nur eher passive Tätigkeiten wie Lesen, die nur alleine möglich sind. Ein Buch schreiben, ein Gedicht verfassen, eine Oper komponieren, eine Skulptur formen: Viele künstlerische Werke sind im Grunde genommen Einzelleistungen, trotz aller Einflüsse von außen, die auf den Künstler einwirken, und auch nur alleine zu verwirklichen. Sollte das Alleinsein dann einmal in Einsamkeit umschlagen, lässt sich auch diese als Inspiration für künstlerische Werke verwenden, die dann anderen Einsamen eine Hilfe sein können.

„Wenn du Einsamkeit nicht ertragen kannst, dann langweilst du vielleicht auch andere.“ (Oscar Wilde)
Schließlich gibt es beim Alleinsein auch den Aspekt der Entspannung: Man muss nicht stetig auf andere reagieren, aufmerksam sein, mitdenken, was selbst bei angenehmer Gesellschaft irgendwann anstrengend werden kann, sondern kann sich auch einmal ganz und gar dem Nichtstun hingeben, vor sich hin träumen, die Gedanken schweifen lassen, ausspannen, ohne irgendwie körperlich oder geistig produktiv zu sein.

Alleinsein ist somit eine notwendige Ergänzung zur Geselligkeit. Zwar fällt es nicht so auf, wenn man unter einem Übermaß an Geselligkeit leidet, wie wenn man allzu einsam ist, für ein ausgeglichenes Dasein sollte aber beides vermieden werden. Denn wie so oft: Die Mischung machts!

Artikelbild: Einsame Insel, von Gerhard Uhlhorn, lizensiert unter CC BY 2.0, Ausschnitt aus dem Original.


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