Schweinejagd im Stadtpark


Doch was war das?! Auch auf der Rückseite des Zettels, den Meyer gerade Zwecks Entsorgung ins Klo geworfen hatte, stand etwas. Meyer beugte sich über das Klosett und erkannte, dass hinten in der gleichen Schrift „Abends“ geschrieben stand. War ihm Fortuna also doch noch hold! Das würde ihm auch Gelegenheit geben, ein wenig des schon seit längerem aus seinem Tagesrhythmus absenten Schlafes nachzuholen, bevor er sich so gegen acht im Park einfände. Beschwingten Schrittes verließ Meyer das Zimmer, nachdem er sich noch einmal beim Rohrverleger bedankt hatte, und nahm den nächsten Bus zu seinem Büro, wo er sich auf seine alte Denkercouch legte und sofort einschlief.
Nur um eine Minute später bereits wieder von dem durch seine Bürowand dringenden Lärm geweckt zu werden. Wie schon so oft verfluchte er Nachbar Pampe, der sich mal wieder hingebungsvoll im Alphornblasen übte. Der würde auch noch seine Abreibung bekommen, wenn es Meyers proppevoller Terminkalender denn einmal erlaubte, ihm seinen montanen Musikgeschmack auszubleuen!
Da es sich nach einem Blick auf den Wecker bei der in Morpheus Armen verbrachten Minute auch nur um eine gefühlte gehandelt hatte, und es tatsächlich bereits kurz nach sieben war, versuchte Meyer auch gar nicht erst, trotz des ohrenblutenlassenden Geblases noch einen Hut voll Schlaf zu erwischen. Wenigstens gab ihm der unerwünschte Weckruf die Muße, vor dem Termin im Stadtpark noch einmal beim Hotel vorbeizuschauen, in der Hoffnung, der Nachtportier möge bereits, entgegen der Aussage des Tagesconcierges, seinen Dienst angetreten haben.
Mit einem an seinen Nachbarn gerichteten „Dich erwisch ich schon noch, keine Sorge, und dann schieb ich dir dein Alphorn bis zum Anschlag, ach was, quer …!!!“-Ruf auf den Lippen verließ Meyer also sein Büro und machte sich auf den Weg in die Nobelherberge.

Dort angekommen sprach Meyer den am Empfang stehenden älteren Mann – lange Nase, lange Haare – an:
„Meyer der Name, sind sie Herr Balthasar?“
„In der Tat, was kann ich für sie tun?“
Meyer erklärte dem Nachportier sein Anliegen, was dieser sofort mit einem „Jaja, mein Kollege hat mir schon von ihnen erzählt. Wie kann ich ihnen weiterhelfen?“ quittierte.
„Nun, ist ihnen vielleicht irgend etwas seltsames aufgefallen an Herrn Schmydzler? Hat er sich anders verhalten als sonst?“
„Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Ich hatte zwar auch zuvor nicht allzuviel mit ihm zu tun, aber außer, dass er etwas in Eile zu sein schien, fiel mir nichts auf.“
„Nichts, sagen sie? Machte er denn einen unversehrten Eindruck?“
„Nun, soweit ich sagen kann schon. Unter diesem riesigen Schweinekostüm war natürlich auch nicht viel von ihm zu erkennen.“
„Jaja, das ist klar, gut, danke dann erstmomentsagtensieschweinekostüm?“
„Ja, wussten sie das nicht? Er trug ein mannshohes rosarotes Schweinekostüm, mit Schnauze und Ringelschwänzchen. Doch bevor ich ihn fragen konnte, was es denn damit auf sich habe, war er auch schon weg. Ohne sein Wechselgeld.“
Das wurde ja immer besser! In was für einen Klappsmühlenausflug war Meyer da nur hineingeraten? Naja, aus dem Portier war jedenfalls nichts weiteres herauszubekommen, weswegen Meyer sich bedankte und auf den Weg in den Stadtpark machte.

Dort angekommen absolvierte er erst mal eine Runde zwecks Feststellung, ob sich Schmydzler bereits eingefunden habe; zwar war es erst kurz nach acht, aber man konnte ja nie wissen! Glücklicherweise war der Stadtpark nicht sehr groß, so dass die Erkundung nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Keiner da! Also platzierte sich Meyer strategisch günstig auf einer Parkbank in der Nähe des einzigen kombinierten Ein- und Ausgangs des Naherholungsgebiets, so dass ein Entwischen Schmydzlers wenig wahrscheinlich werden würde, sollte Meyer ihn erst einmal erspäht haben. Mit wem würde sich Schmydzler wohl treffen? Meyer setzte seine verspiegelte Sonnenbrille auf, packte seine mitgebrachte Detektivzeitung mit den beiden Augenschlitzen aus und begann, diese wachsam zu benutzen.

Als sich jedoch um neun noch immer keine Spur von Schmydzler gezeigt hatte, und auch niemand erschienen war, der als Schmydzlers Kontakt nach diesem zu suchen schien, beschloss Meyer, den gesamten Tag als einzigen großen Misserfolg abzutun und zu verschwinden. Und das alles nur, weil Kutte … Ach, es hatte keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Doch just in dem Moment, in dem Meyer das Parktor passierte, sah er aus dem Augenwinkel, wie sich aus einem in der Nähe befindlichen voluminösen Gebüsch ein mannshohes Schwein zu verdünnisieren versuchte. Das konnte doch nur Schmydzler sein; doch wieso war dieser immer noch im Schweinekostüm unterwegs? Egal! Des Schweins Flucht mit einem lauten „Schmydzler, stehngeblieben!“ verhindern wollend erreichte Meyer jedoch genau das Gegenteil, denn das Borstenvieh sprang ob des Gellens von Meyers Schrei kurz panisch in die Luft und machte sich beim Wiedererlangen des Kontakts mit dem Boden sofort daran, von Meyer wegzulaufen, dieser hinterher. Nach einer kräftezehrenden Verfolgungsjagd gelang es Meyer, das rosa Wesen am Ringelschwanz zu packen und so zu Boden zu reißen.
Hocherfreut, endlich etwas erreicht zu haben, drehte er den Kostümierten auf den Rücken, nur um gewahr zu werden, dass es sich keineswegs um Schmydzler handelte – sondern um Kutte!

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