Benommen erwacht Georg aus seinem Traum. Der Anzug, mit dem er eingeschlafen war, klebt schweißdurchnässt an seinem dürren Körper. Er wischt sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, rappelt sich auf und versucht, den Traum Revue passieren zu lassen. „Zu merkwürdig.“


Er bekommt ihn nicht mehr ganz zusammen, Bruchteile flattern immer wieder auf und, je mehr er versucht, die einzelnen Ausschnitte zu fassen, um so schneller fliegen sie wieder davon. Ein beißender Duft, der in seine Nase steigt, reißt ihn aus seinen Überlegungen heraus. Er bemerkt, dass er es ist. Ein Gemisch aus Schweiß, billigem Aftershave und Angst. „Ich muss duschen“, murmelt Georg hörbar, so, als ob er sich selbst dazu ermahnen müsste. Er geht ins Bad, diesmal bedacht darauf, nicht in den Spiegel zu sehen. Er fühlt sich unwohl. Auf dem Rand der Badewanne sitzend, zieht er erst mal seine Schuhe aus und stellt diese sorgfältig akkurat nebeneinander vor sich hin. Er konnte diese Schuhe noch nie leiden, es sind diese typischen schwarzen Lederschuhe, die Millionen andere Männer jeden Tag zu ihren Anzügen tragen, um mit ihnen zu ihren schlecht bezahlten Jobs zu gehen, um ihre monotonen Arbeiten zu erledigen. Um dann nach einem 15-Stunden-Tag nach Hause zu kommen, um ihre Ehefrau mit großen Reisekoffern in der Hand vor sich zu finden, mit gekräuselten Lippen und nichts weiter sagend als: „Es hat nicht sein sollen!“

„Es hat nicht sein sollen!“, ruft es aus Georg heraus, und mit einem kräftigen Tritt fliegen die Schuhe durch das Badezimmer. Georg reißt sich seinen Anzug vom Leib, schmeißt ihn den Schuhen hinterher und setzt sich in seine eierschalenfarbene Badewanne. Er lässt sich kaltes Wasser über seinen Kopf regnen. Sein ganzer Körper zittert. Die letzten zwei Tage, das Zwinkern, der Traum … seine Tante, Georg wird übel. Er dreht das Wasser aus und beobachtet die letzten Tropfen, die vom Duschkopf fallen.

Ein plötzliches, hastiges und energisches Klopfen an seiner Wohnungstür lässt Georg zusammenzucken. Wer könnte das sein, am Samstagmorgen, es ist noch nicht einmal halb neun. Vielleicht ist es wieder die weit über achtzigjährige Frau Biedermann aus der Dritten, die ihren Kater Mori sucht, der aber schon vor drei Jahren von der Müllabfuhr überfahren wurde und alles andere als lebendig ist. Die alte Frau, der man immer wieder von Neuem erklären muss, dass ihr geliebter Kater nicht mehr unter uns weilt.

Das Klopfen wird lauter. „Immer mit der Ruhe, warten Sie, ich komme schon!“ Das Klopfen erlischt. Georg steigt aus seiner Badewanne und wirft sich seinen Bademantel um. Er geht geschwinden Schrittes Richtung Wohnungstür und öffnet diese. Nichts ist zu sehen. Er hört lediglich, wie jemand die Treppe herunter jagt in einer unfassbaren Geschwindigkeit. „Hallo!?“ Keine Antwort. „Das ist nicht komisch, solche Streiche am Morgen!“, wettert Georg dem Fremden nach. Er hört, wie die Haustür ins Schloss fällt. Als er gerade im Begriff, ist seine Wohnungstür zu schließen, bemerkt Georg, dass Etwas unter ihr schleift. Er bückt sich, um den, wie er zuerst annahm, liegen gelassenen Müll zu entfernen. Aber es ist kein Müll. „Ein Briefumschlag.“ Er dreht ihn nach allen Seiten um, es ist ein gewöhnlicher Briefumschlag, aber ohne Absender und ohne jeglichen Hinweis, an wen der Brief gehen sollte. Er wiegt ihn in seiner Hand. Er scheint etwas Schweres zu beinhalten. Auf dem Sofa angekommen, öffnet er den Umschlag. Wieder ein heftiges Klopfen an seiner Tür. Er rennt schnell, fest entschlossen, denjenigen zu erwischen, und reißt mit einer hohen Geschwindigkeit die Tür auf. "Immer mit der Ruhe Georg, hast mich kaum erwarten können, oder was?!“, grinst ihm Lea entgegen, seine Schwester. „Ach Mist, dich habe ich ganz vergessen, wir sind ja zum Frühstücken verabredet. Sag, du warst nicht gerade eben schon da gewesen?“ „Nette Begrüßung, aber nein, wieso? Und mein Gott, wie siehst du aus, völlig fix und fertig? Bist du krank?“ Lea ist die einzige Person seiner Familie die er mag, sie ist im Gegensatz zu ihm recht stämmig, hat kurzes, aschblondes Haar und ist ein sehr warmer und herzlicher Mensch. Ihre Mutter starb sehr früh an Krebs und ließ Georg mit 7 und Lea mit 15 zurück. Es blieb ihnen nur noch ihr Vater, der immer mehr dem Alkohol verfiel. Von da an musste Lea die Rolle der Mutter übernehmen, sie wusch die Wäsche, kochte das Essen und war für Georg immer da, wenn er Probleme hatte. Georg ist sehr dankbar für seine Schwester.

Georg geht zurück ins Wohnzimmer, gefolgt von Lea, setzt sich auf das Sofa und nimmt den Brief wieder zur Hand. „Ein Liebesbrief?“, neckt Lea ihren Bruder. „Der lag vor meiner Tür.“ „Spannend, mach ihn auf!“, drängt sie ihn und rückt näher an ihn ran, um mitlesen zu können. Es ist mittlerweile schon sehr düster. Georg glaubt immer noch nicht, was er da tut. Der Wind ist eisig kalt, der Schnee schlägt ihm erbarmungslos ins Gesicht, und er spürt seine Füße nicht mehr. Er zieht seine Pudelmütze tiefer ins Gesicht, von Lea ist nur noch ihre rote Nasenspitze zu sehen. „Das ist doch verrückt, Lea. Warum tun wir das?“ „Ach komm, interessiert dich nicht, wer den Brief geschrieben hat?“, ruft sie durch den Sturm hindurch. Sie war schon immer die abenteuerlustigere der beiden gewesen. Die Gegend kennt Georg noch nicht, sie liegt am Rande der Stadt, die alten Weiden und die finsteren, alten Häuser haben etwas beunruhigendes. Er holt den Brief heraus, den er zusammengeknüllt in seine Hosentasche gesteckt hatte. „Weidenweg 25a, 21 Uhr“. Er blickt auf seine Armbanduhr, es ist zehn vor. „Lea guck, das muss es sein“. Lea ist so aufgeregt, dass sie hin und her tänzelt, wahrscheinlich auch, damit ihre Füße nicht einfrieren. Sie stehen vor einem verschnörkelten, alten Eisentor, und dahinter ist eine stark heruntergekommene Stadtvilla zu erblicken, bei der man nur erahnen kann, dass sie in früherer Zeit Glanz versprühte. In den Fenstern brennen keine Lichter, und manche sind völlig zugewuchert von dem Efeu welcher aussieht, als wolle er das Haus verschlingen. „Sag, hast du das Ding dabei, das im Brief lag?“, fragt sie Georg in einem Anflug von Nervosität. „Ja, habe ich.“ Georg holt es aus seiner Jackentasche raus und betrachtet es im Schein einer Laterne. Just in dieser Sekunde öffnet sich das riesige Eisentor automatisch mit lautem Knarren. Der Schneesturm behindert ihre Sicht, doch sie sehen eine dunkle Gestalt auf sich zukommen. Die dunkle Gestalt spricht von Weitem zu ihnen.

Kapitel 1Kapitel 2



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