Ich sitze vor einem riesigen bronzenen Kessel, der, an Eisenketten befestigt, über offenem Feuer hängt. Daneben schaufelt ein indianisch aussehender, junger kräftiger Mann zarte Petersilienblätter in den Kessel.


Aus der Dunkelheit tritt eine Frau heran. Im Licht des Feuers glitzern Schweißperlen auf ihrer nackten braunen Haut. Nur ein winziges Petersilienblatt bedeckt ihren Bauchnabel. Ein goldener Löffel ragt aus ihrem schwarzen Haar hervor. Das muss sie sein, denke ich, nach so vielen Jahren des Rührens, des Schnippelns und Schneidens steht sie vor mir: die Herrin des Fleisches, Königin der Gemüse, die wahrhaftige Dienerin des guten Geschmackes. Ein halbes Menschenleben habe ich nach ihr gesucht, jedes Rezept gewälzt, jede Nudel gekocht, den Elch grilliert und Lachse pochiert, für sie gebraten, gebacken, gewürzt und tranchiert.

Nun ist es soweit, ich werde schmecken, den Geschmack der Geschmäcker.

Gespannt sitz’ ich vor dem Feuer der Offenbarung, verfolge jede Bewegung der nackten Schamanin. Geheimnisvolle Rezepte murmelnd packt sie plötzlich umher fliegendes Geflügel am Hals. Vor meinen Augen ertränkt sie das offensichtlich geschockte, kläglich krächzende Suppenhuhn im brodelnden Kessel und noch während des Todeskampfes erklingt aus dem Po der Henne eine grauenhafte Melodie. Trommeln und Rasseln der um das Feuer tanzenden Indianer stimmen mit ein, immer lauter, immer schriller. Aus dem emporsteigenden Wasserdampf des Petersiliensudes formiert sich ein Geisterchor in weißer Kochkleidung und summt in tiefer Basslage die unerträglich geworden Melodie. Gewalttätige Schallwellen durchbohren meine Schädeldecke. Die Schmerzen werden unerträglich. Der Gesang der toten Köche erfasst die in Trance gefallene Schamanin. Sie greift nach dem goldenen Löffel, taucht ihn in die Brühe des bronzenen Kessels und tanzt mit rhythmisch wabernden Brüsten auf mich zu, ich öffne weit meinen Mund, schlürfe die Brühe, doch meine Zunge bleibt taub.

Ich schmecke nichts.

Der Alptraum eines jeden Koches. Seit Wochen lässt er mich nicht schlafen. Immer das Gleiche, der Gesang der toten Köche, die Petersilienfrau, ihre Brüste und der goldene Löffel. Schweißgebadet wache ich neben meinem Bett auf. Steh auf, steh auf, heut’ hast du Klausur, denk’ ich. In langsamer Aufwärtsbewegung gewöhne ich die rotweingetränkte Hirnmasse an die scheinbar immer dünner werdende Luft. Mit jedem Zentimeter, den ich in die Höhe wachse, steigen die Schmerzen ins Unermessliche. Während mein pulsierender Schädel sich weiter hebt, versucht ein altes müdes Herz-Kreislaufsystem vergeblich den Druckausgleich.

Generalstreik! Massendemonstrationen füllen die engen Gassen meines Körpers, ganze Organe schmeißen die Arbeit hin, Zellen pfeifen die Internationale, es formiert sich der rote Widerstand.

Mein Körper hasst mich! Jeder morgen klagt er mich an und rächt sich für die Verbrechen, die ich ihm antat. Hochverrat – schreit es aus der Lunge, Massenmord – brüllen die Neuronen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – knurrt der Magen.
Fickt euch, ihr scheiß Anarchisten, gröle ich zurück und erreiche einen 90-Grad-Winkel in Augenhöhe mit meinem Bauchnabel, beleidige ihn und versuche weiter den Aufstieg. Mit den Gedanken schon am Ziel, den aufrechten Gang ins Bad, überschätze ich meine Leistungsfähigkeit und schmiere in Brustwarzenhöhe ab. Die Knie sacken ein, ich lande kopfüber auf hartem Laminat. Blut strömt aus meiner Nase. Im Schützengraben der morgendlichen Schlacht krieche ich weiter ins Bad. Über mir mein hell strahlendes Waschbecken. Ein Leuchtfeuer im Kampf um die Macht. Mit letzter Kraft ziehe ich mich am Rand des Beckens hoch. Doch mit dem Erreichen meiner vollen Körpergröße sucht mein Magen das Duell. Noch ist die Schlacht nicht gewonnen.

Ich ringe mit ihm um die Vorherrschaft, kapituliere, will verhandeln und scheitere.
Kompromissunfähig gewinnt er den ungleichen Kampf und ich sehe den Abend zuvor vor mir ablaufen. Eine weinrotschaumig-braune Sauce mit kleinen Erdnuss- und Nudelstückchen mischt sich mit dem Blut meiner Nase und füllt das Becken.

Egal, ich stehe.

Ungern steh’ ich in der S-Bahn. Ich mag S-Bahn fahren, doch sitz’ ich lieber am Fenster. Es ist schön morgens am Fenster in der S-Bahn. Es sind die letzten Minuten der Freiheit, bevor die Gedanken dem Diktat mathematischer Algorithmen und lateinischer Deklinationstabellen unterliegen oder in nächtlichen Wanderungen zum Alptraum werden.
Ich schaue hinaus, konstruiere, gestalte.
An den vorbei ziehenden Häuserfassaden kleben all die wunderbaren Gedankenfetzen der morgendlichen S-Bahn-Träumer. Ein jeder gibt, was er hat, was er kann. Im höher und höher türmen sich Petersilienberge, die Wünsche und Hoffnungen der müden Seelen. Die Sonne geht auf, ein goldener Löffel … ich schmecke wieder.

Artikelbild: Tibetan spoon, von Roger McLassus, lizensiert unter CC BY-SA 3.0, Ausschnitt aus dem Original.


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