Letzte große Etappe des Bildungsweges ist das Studium.
Das Einfache am Studium ist das tatsächliche Studieren.
Das Schwierige ist die Fächerwahl.
Einige Gedanken zur Zufälligkeit des Lebens und zur Studienwahl.



Vorweg: Ich studiere Jura.
Daran schließen sich ja einige Assoziationen dahingehend an, was wohl der ausschlaggebende Grund für die Fächerwahl gewesen sein mag. Einige kämen in Frage: Geltungssucht. Machtstreben. Der Wunsch nach einem festen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft. Und auf der Außenseiterposition eventuell noch ein echtes, ehrliches Interesse am Fach.
Mein Eindruck war selbstverständlich, dass ich das Fach aus ehrlichem Interesse gewählt hätte. Das, und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz. Ich wollte sehen, ob ich als Arbeiterkind im Stande bin, ein Jurastudium zu bewältigen.
Ohne jetzt schlecht über meine gegenwärtige und mit etwas Glück (Hi, BAFöG-Amt!) zukünftige ehemalige Disziplin reden zu wollen … Juristen sind wirklich speziell. Und meinen ersten großen Moment des Zweifels hatte ich, als mir aufging, dass das Fach deutlich näher an der Theologie ist als mir angenehm ist. Das war in der zweiten Woche. Seitdem hatten die Juristerei und ich gute und schlechte Zeiten. Gute Zeiten im Staatsrecht und der Rechtssoziologie, schlechte Zeiten im Schuldrecht. Und das Strafrecht und ich, wir standen uns mit wohlwollender Gleichgültigkeit gegenüber.

In der Rechtssoziologievorlesung kam ich mit Niklas Luhmann in Berührung. Niklas Luhmann war ein Bielefelder Soziologe (nicht Jurist!), der sich die Fragen gestellt hat, die ich mir auch gestellt hatte und die mich bewogen hatten, eigentlich Jura zu studieren. Die Fragen nach dem Wesen und Sinn von Recht als sozialem Mechanismus. Nicht die Frage nach einer idealistischen Gerechtigkeitsvorstellung und danach, wie die wohl in positives Recht zu überführen sei. Also danach, was eigentlich „gerecht“ oder „gut“ ist, als wären dies wirkliche Dinge, die in irgendeiner jenseitigen Welt existierten, und der wir arme beschränkte Sterbliche uns nur unter Auslegung unantastbarer Texte annähern könnten (soweit die frappierende Ähnlichkeit zur Theologie – dem verbissensten Fantasyliteraturnerdtum der Welt).
Diese Frage, mit der sich Juristen im Kern immer beschäftigen, interessiert mich wenig. Mich interessiert die Frage, was Recht in Bezug auf die Gesellschaft ist. Und was wir aus einem gegebenen Rechtssystem über seine Gesellschaft lernen können.
Doch ich schweife ab. Allerdings mag diese Abschweifung vielleicht dem einen oder enderen als Orientierungshilfe dienen, der in der selben Situation steckt wie ich vor einem Jahr: Diese Fragen, die ich mir gestellt habe, wird mir das Jurastudium nicht beantworten. Das sind soziologische Fragen. Keine juristischen. Und man sollte bei der Studienwahl nicht den Fehler machen, Disziplin (in dem Fall Soziologie/Jura) mit Forschungsinteresse (in dem Fall Recht) gleichzusetzen.

Gerade heute hat eine liebe Freundin (Hi, Loreen!), wie sie sagte, während sie „uff Arbeit Badfliesen putzt[e]“ den Gedanken entwickelt, dass wir Menschen doch angefangen hätten „ein Duplikat von uns zu errichten, obwohl wir gar nicht wissen, wer und was wir überhaupt in Wahrheit sind“.
Das hat mich angesprochen. Was sie damit, glaube ich, meint, ist, dass wir Menschen dazu neigen, eine Identität aufzubauen, die nicht unbedingt dem entsprechen muss, was wir eigentlich sind. Beziehungsweise zu vieles in unsere Identität einzubauen, das da eigentlich nicht hingehört, das eigentlich nicht zu uns gehört.
Und das brachte mich wieder zurück zu Luhmann, dessen Buch „Rechtssoziologie“ ich gerade lese. Luhmann hat in mir bezüglich der Studienwahl eine starke Besinnung ausgelöst. Um das begreiflich zu machen, gebe ich vielleicht erst mal ganz stark verkürzt den Kerngedanken von Luhmanns Systemtheorie wieder.
Luhmann versuchte eine handliche, das ganze System des menschlichen Seins umfassende Theorie zu finden, mit der sich alle, oder zumindest die allermeisten, sozialen Phänomene erklären lassen. Seine sogenannte Systemtheorie.
Grundgedanke war der, dass wir Menschen in jedem Augenblick mit einer unüberschaubaren Anzahl von Möglichkeiten konfrontiert sind. Ich sitze mit verschränkten Beinen an meinem Rechner während ich diesen Artikel schreibe.
Gleichzeitig könnte ich aber auch Karateunterricht nehmen.
Oder Vladimir Putin anrufen und ihm sagen, dass seine Oben-ohne-Fotos für mich ganz schön nach homosexueller Propaganda aussehen.
Offensichtlich stehen mir die zweite und dritte Variante nicht so richtig wirklich offen. Das wiederum ist aber nur Zufälligkeiten geschuldet. Ich bin in keinem Karateverein und habe Putins Handynummer nicht. Das beides könnte aber prinzipiell auch anders sein. Oder, um mal realistischere Beispiele zu nehmen: Ich könnte jetzt weiterschreiben, ich könnte aber auch aufstehen und mir nen Kaffee machen. Oder Kuron (Hi, Robert!) anrufen. Das sind die drei Möglichkeiten, die mir spontan einfallen. Es bestehen noch ungezählte weitere Möglichkeiten. Das nennt Luhmann Komplexität: An jedem beliebigen Punkt in unserem Leben haben wir eine unüberschaubare Anzahl an Möglichkeiten. Wir können aber nur begrenzt viele davon wahrnehmen. Ich in dem Fall nur die drei eben genannten. Damit leistet unsere Wahrnehmung eine der wichtigsten Aufgaben im Leben: Komplexitätsreduktion. Mein Gehirn überfordert mich nicht mit allen Fantastilliarden von Möglichkeiten, die mir im Moment offenstehen, sondern es wählt die drei aus, die mir am plausibelsten und gangbarsten erscheinen. Die anderen kommen mit gar nicht erst in den Sinn.
Danke, liebes Gehirn.
Kriegst nachher auch nen Porno.
Versprochen.
Dass mir diese drei so gangbar erscheinen, beruht aber auf Zufälligkeiten: Ich habe ein Telefon, Kuron auch, und ich kenne seine Nummer und habe einen aktiven Vertrag. Alles davon könnte auch anders sein. Dann wäre diese spezielle Möglichkeit nicht mehr gegeben. Die Komplexität wäre weiter reduziert. Ohne, dass diese Reduktion notwendigerweise auf meinen eigenen Handlungen basiert.
Diese Zufälligkeit der Auswahlmöglichkeiten bzw. ihrer Bedingungen nennt Luhmann Kontingenz. Es ist, mit Luhmanns Terminologie, von kontingenten (sie könnten auch anders sein!) Bedingungen abhängig, dass ich Kuron anrufen könnte.
Damit haben wir die beiden zentralen Begriffe herausgearbeitet: Komplexität (es gibt unzählige Möglichkeiten) und Kontingenz (es könnte auch anders sein).
Und die zentrale Aufgabe menschlichen Strebens: Komplexitätsreduktion.
Das sind die Gedanken, die die Grundlage der Luhmannschen Systemtheorie bilden. Ich will euch an der Stelle ersparen (obwohl es sehr interessant ist, wirklich), was das in Bezug auf das Recht bedeutet.

Aber ich möchte erläutern, worauf mich dies in Bezug auf die Studienwahl gebracht hat: Zukunftspläne sind kontingent.
Ich komme aus einem sozialen Beruf, in dem ich nicht weiter arbeiten möchte oder nervlich auch nur könnte. Deshalb war das berufliche Argument, offen oder verdeckt, immer ein Element meiner Studienwahl. Ich bin dem Narrativ der kapitalistischen Verwertungslogik aufgesessen. So beschämend das ist.
Da sind wir wieder bei Loreen und ihren Duplikaten.

Luhmann hat mir nun geholfen, das zu streichen. Meine Überlegung ist folgende: Das Verwertbarkeitsargument („Damit krieg ich mal nen gutbezahlten Job“) ist nur eine Strategie der Komplexitätsreduktion. Und als solche nicht verlässlicher, tendenziell wahrscheinlich sogar viel weniger verlässlich, als andere Strategien. Wie zum Beispiel das Leidenschaftsargument („Dafür brenne ich“).
Denn ob ich mit dem Jurastudium wirklich mal nen guten Job bekomme, hängt von Zufälligkeiten ab:
Ich könnte morgen vom Auto überfahren werden. Ich könnte morgen nen Schlaganfall haben. Ich könnte im achten Semester mit Burnout das Studium hinschmeißen. Ich könnte am Tag der Staatsexamensprüfung (und auch den Nachholterminen) nen Migräneanfall haben und die Prüfung verreißen. Ich könnte morgen eine Milliardärserbin (Hi, Paris!) kennenlernen und nie wieder für meinen Lebensunterhalt arbeiten müssen.
Oder es könnte natürlich alles funktionieren, ich könnte tatsächlich nen gutbezahlten Job bekommen und dann einen gutbezahlten Job haben, in dem ich nicht glücklich bin. Weil ich meine Mitmenschen anscheißen muss. Als Abmahnanwalt beispielsweise. All das sind Kontingenzen, die bestehen. Und das sind wieder nur die, die mir einfallen. Es gibt noch unendlich viel mehr. Man kann natürlich sagen, dass viele davon unwahrscheinlich sind. Aber das ist wieder nur eine Technik der Komplexitätsreduktion. Und als solche sehr sinnvoll und gut. Aber nicht per se „pragmatischer“ oder „realistischer“ oder gar „objektiver“ als andere Techniken.
Techniken wie, sich zu fragen, wofür man brennt. Was das Feld ist, in dem man zur Not auch für wenig Geld arbeiten würde, weil es einen erfüllt.
Oder kurz: „Was willstn damit mal machen?“ ist die falsche Frage.
„Warum willstn dis machen?“ ist die richtige. Oder zumindest die, die mir wesentlich zielführender erscheint. Denn ein Studium, das einen erfüllt, ist ein Studium, an dem man wächst. Ein Studium, mit dem man auch freiwillig seine Nachmittage verbringt, ein Studium, in dem man von ganz alleine seine Netzwerke knüpft, ein Studium, in dem man von ganz alleine gut ist. Weil es einem am Herzen liegt. Deswegen gibt es auch so viele schlechte Lehrer und so viele gute Historische Linguisten (Beleg frei erfunden).

Zusammengefasst:

Verwechselt bei der Studienwahl nicht Disziplin mit Forschungsinteresse. Überlegt euch, was euch im Leben wichtig ist (Geld, Erfüllung, Sex, Koks, etc.) und wählt eure Komplexitätsreduktionsstrategien entsprechend aus. Wählt nicht die Strategie, die nicht zu eurem Ziel passt. Versucht damit, eure Wahlmöglichkeit in eine Richtung zu aktualisieren, an der ihr tatsächlich eurem wirklichen Ziel unmittelbar näher kommt.
Alles andere ist egal, weil sowieso nicht vorhersehbar. Je weiter in der Zukunft die Verwirklichung eures Ziels liegt, desto mehr ist sie von Zufälligkeiten störbar.
Und baut die Duplikate ab.
Und benutzt Sonnencreme.

Artikelbild: "Honoré Daumier 018" by Honoré Daumier - The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons. Ausschnitt aus dem Original.


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