Das deutsche Bildungssystem wird oft dafür kritisiert, wenig durchlässig zu sein und die Kinder schon zu früh voneinander zu trennen. Verschiedene Studien haben festgestellt, dass „Bildungserfolg“ zudem oft vom familiären Hintergrund abhängig ist. Das japanische Schulsystem hingegen wird eher dafür kritisiert, dass den Kindern zu viel Leistung abverlangt wird und zu wenig Wert auf individuelles Lernen und Fördern gelegt wird. Doch wie ist das japanische Bildungssystem überhaupt aufgebaut?


Japanische Kinder müssen bereits im Kindergarten die erste japanische Silbenschrift Hiragana erlernen. Sie besteht aus fünfzig Schriftzeichen und wird zu Beginn der Grundschule vorausgesetzt, da anders das Erlernen der vielen Kanji nicht möglich wäre. Im Vergleich zu deutschen Kindergärten, in denen man meist spielerisch einfache Dinge erlernt, wird in japanischen Kindergärten also schon streng auswendig gelernt.

Auf welche Schule das Kind später gehen kann, ist bereits von der Wahl des Kindergartens abhängig. Die Wahl der Schule wiederum beeinflusst, auf welche Uni man später gehen kann, denn der Ruf der Schule sowie der Universität ist extrem wichtig. Die meisten Japaner besuchen deshalb Privatschulen, da die öffentlichen Schulen zwar kostenlos sind, aber keinen sehr guten Ruf genießen. Jedoch gibt es auch bei den Privatschulen große Unterschiede, was Ruf und Leistungsanforderungen angeht. Eltern üben deshalb oft einen großen Druck auf ihre Kinder aus, damit diese später eine gute Universität besuchen können.

Die japanische Schulzeit dauert 12 Jahre. Auf die 6-jährige Grundschulzeit folgen die 3-jährige Mittelschule und die 3-jährige Hochschule. Die Schule beginnt meist gegen 8.30 Uhr und endet um 15 Uhr. Schuluniformen sind erst ab der Mittelschule vorgeschrieben, teilweise gibt es auch sehr strenge Regeln, die den Mädchen verbieten, in der Schule Make-up zu tragen, und die allen Schülern vorschreiben, schwarze Haare zu haben. Für das japanische Gruppenbewusstsein ist es sehr wichtig, dass sich alle Schüler ähneln und keiner aus der Gruppe heraussticht. Nach der offiziellen Unterrichtszeit nehmen fast alle Schülerinnen und Schüler noch an Clubs teil. Die Clubs werden von den älteren und jüngeren Schülern gemeinsam organisiert. Ungefähr an drei Tagen in der Woche kann man also an Sportarten wie Basketball, Schwimmen, Kendo oder auch Computerclubs und Lesezirkeln teilnehmen. Die Sportclubs treten oft in Wettbewerben gegen andere Schulen an, und besonders gute und ehrgeizige Clubs trainieren auch bis zu fünfmal die Woche, sodass die Schüler erst um 18 Uhr zuhause sind. Danach ist für manche der Schultag allerdings immer noch nicht vorbei, denn einige Schüler müssen noch sogenannte private Paukschulen besuchen, die entweder eine Art Nachhilfe anbieten oder sich zur Vorbereitung auf Klausuren und Abschlussprüfungen eignen.

Um nach der Schule studieren zu können, muss man an der Wunsch-Universität zuerst eine Aufnahmeprüfung bestehen. Je besser der Ruf der Universität, desto schwieriger sind die Anforderungen an den Prüfling. Manche Japaner bereiten sich ein Jahr lang auf diese Aufnahmeprüfungen vor. Besteht man sie nicht beim ersten Versuch, kann man im darauffolgenden Jahr erneut sein Glück versuchen – im Grunde genommen sooft, wie man möchte. Hat man die Aufnahmeprüfung dann endlich bestanden und wurde an einer Universität aufgenommen, wird das Leben etwas entspannter. Denn wenn man an einer Uni mit gutem Ruf studiert, ist es fast schon egal, was für ein Fach man studiert, denn eine Anstellung bei einem großen Unternehmen ist einem mit Besuch einer angesehenen Uni so gut wie sicher.

Das japanische Schulsystem wird oft kritisiert, da es die Kinder nur auf Leistung trimmt und kein individuelles, spielerisches Lernen gerade in der Grundschulzeit zulässt. Es geht hauptsächlich darum, Dinge auswendig zu lernen und nicht, diese zu hinterfragen. Dass die Zukunftschancen eines Kindes schon so früh bei der Wahl der „richtigen“ Schule festgelegt werden, ist ebenfalls Kritikpunkt. Von einigen Japanern habe ich gehört, dass es tatsächlich nicht so wichtig ist, was man studiert, sondern an welcher Universität man war, denn dann kann man jeden Beruf ergreifen. Doch auch an deutschen Schulen geht es oft nicht darum Dinge zu hinterfragen, sondern Fakten auswendig zu lernen. Die Idee von Aufnahmeprüfungen an Universitäten finde ich allerdings nicht allzu schlecht, denn in Deutschland wird meiner Meinung nach zu viel Wert auf die Abiturnote gelegt. So werden beispielsweise Menschen, die sich zwar sehr für ihr Fach interessieren und engagieren, aber kein Abitur mit einem 1,x-Durchschnitt erreicht haben, möglicherweise daran gehindert, ihr Wunschfach zu studieren, obwohl sie sich vielleicht besser dafür eignen würden als so mancher 1,0er-Abiturient.

Quelle: "Reisegast in Japan", Gothild und Kristina Thomas

Artikelbild: "Bundesarchiv B 145 Bild-F009820-0003, Flughafen Köln-Bonn, Ankunft Studenten aus Japan" by Patzek, Renate - This image was provided to Wikimedia Commons by the German Federal Archive (Deutsches Bundesarchiv) as part of a cooperation project. The German Federal Archive guarantees an authentic representation only using the originals (negative and/or positive), resp. the digitalization of the originals as provided by the Digital Image Archive. Licensed under CC-BY-SA-3.0-de via Wikimedia Commons. Ausschnitt aus dem Original.


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