Wer ein Museum oder eine Ausstellung besucht, steht regelmäßig vor einem großen Mysterium.


Dabei handelt es sich nicht um so tiefschürfende Fragen wie „Warum sind die Dinosaurier ausgestorben?“, „Wie sah wohl der Alltag der alten Ägypter aus?“ oder das allzeit beliebte „Was will uns der Künstler damit sagen?“ Nein, die Frage, die ich meine, stellt sich einem schon, bevor man überhaupt einen Fuß in die Hallen des Wissens und der Kunst gesetzt hat und hängt auch untrennbar mit dieser Vorzeitigkeit zusammen. Sie lautet: „Worin zum Teufel besteht der Unterschied zwischen Rucksäcken und Handtaschen?“

In neun von zehn Fällen ist es ja so, dass man als Rucksackträger aufgefordert wird, nämlichen doch bitte abzugeben oder in einem Schließfach zu verstauen, Handtaschen jedoch problemlos mit hinein genommen werden dürfen. Und je öfter einem dieses widerfährt, desto mehr versucht man, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen. Entweder durch angestrengtes Nachdenken, oder, da dies oft keine befriedigenden Antworten liefert, durch keckes Nachfragen. Doch auch bei der zweiten Methode ist der Erkenntnisgewinn gleich Null.

So bekommt man zum Beispiel zu hören, der Unterschied liege in der Größe. Na gut, denkt man sich, da mag ja was dran sein; nur um bei Betreten der Ausstellung eines besseren belehrt zu werden. Während man selbst seinen durchschnittlich dimensionierten, nur leicht gefüllten Rucksack brav in einem Schließfach ein Stockwerk höher verstaut hat, begegnen einem beim Flanieren unzählige Menschen mit Handtaschen geradezu elefantösen Ausmaßes, in denen mühelos ein Picasso Platz finden würde.

Auch zum Umstoßen etwaiger Ausstellungsstücke wären diese ob ihrer gigantischen Ausmaße viel eher prädestiniert als der gemeine Rucksack. Wenn es sich bei der besuchten Ausstellung nicht sowieso eine Schau großformatiger Fotografien handeln würde, noch dazu in riesigen Hallen, die es ohnehin unmöglich machen, den Kunstwerken oder den anderen Besuchern gefährlich nahe zu kommen und sie zu beschädigen.

Unabhängig davon könnte man ja auch generell versprechen, den Rucksack in die Hand zu nehmen, um nicht durch unbedachte Bewegungen archäologische Schätze von unschätzbarem Wert vom Sockel zu stoßen, aber: nein, geht auch nicht. Besonders bizarr wird das Ganze, wenn sich, um ein anderes Beispiel zu nennen, in einem Museum nicht nur Träger großformatiger Taschen tummeln, sondern auch Inhaber von Damenrucksäcken, diesen Mitteldingern zwischen Handtasche und Rucksack, die sie nonchalant über den Rücken geworfen tragen, wie, genau: einen Rucksack! Und das, obwohl es an der Garderobe extra hieß, Rucksäcke müssten rigoros abgegeben werden, Handtaschen nicht.

Sollte der Grund für die ganzen Umstände tatsächlich darin liegen, dass, bewusst oder unbewusst, Männern als den typischen Rucksack- und nicht Handtaschen-Trägern stets nur urzeitliche Grobmotorik zugetraut wird? Entweder weil sie nicht anders können, oder weil sie nicht anders wollen? Frauen hingegen, egal ob mit Riesenhandtaschen oder Rucksäcken, Grazie und Rücksicht zugeschrieben werden? Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts? Dieses Phänomen bedarf der dringenden wissenschaftlichen Untersuchung. Genderforschung, übernehmen Sie!


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