Die Idee, etwas über den Berliner Dialekt zu schreiben kam mir, da mir immer wieder Besonderheiten im mündlichen Sprachgebrauch auffielen, über die ich mich wunderte und die mir sogar falsch vorkamen. Außerdem übten Sprachen und Dialekte schon immer eine Faszination auf mich aus, sodass ich mich näher mit dem Berlinerischen beschäftigen wollte. Natürlich kannte ich bereits vor meinem Umzug nach Berlin einige Ausdrücke wie „Schrippe“, „Bemme“ und „Bulette“. Aber das Berlinerische geht weit über diese Ausdrücke hinaus. Deshalb folgen hier einige Erläuterungen zu den Besonderheiten des Berliner Dialekts, die insbesondere für Zugezogene, die den Dialekt lernen wollen oder Urberliner, die endlich einmal Hochdeutsch sprechen möchten, interessant sind.


Das erste, was man über den Berliner Dialekt wissen sollte: Eigentlich ist er gar kein echter Dialekt. Es handelt sich – sprachwissenschaftlich gesehen – vielmehr um einen sogenannten „Metrolekt“, welcher sehr selten ist und das Berlinerische zu etwas Besonderem macht. Der Ausdruck Metrolekt bezeichnet eine Stadtsprache, die aus vielen unterschiedlichen Mundarten entstanden ist. Der Berliner Dialekt wird übrigens nicht nur in Berlin, sondern auch in Brandenburg gesprochen.

Berlin war schon immer eine Stadt des Handels und der Zuwanderung, sodass es auf das Berlinerische großen Einfluss anderer Sprachen gab. Im 17. Jahrhundert beeinflusste Französisch das Berlinerische, da die Menschen, die sich für besser gebildet hielten, das Berlinerische als Sprache des Pöbels abwerteten und somit entweder Hochdeutsch oder Französisch sprachen. Einige französische Wörter wurden also übernommen (Trottoir, Pissoir …) oder „einberlinert“ (Bredulje (le bredouille) für Bedrängnis, die Botten (les bots)), um nur einige zu nennen. Durch die Einwanderung von Juden aus Polen, Russland, Ostpreußen und Schlesien fanden auch hebräische Wörter Eingang in den Dialekt, vor allem erkennbar an Ortsnamen die auf -ow oder -in enden (Treptow, Gatow, Templin …).

Auch in den 90er-Jahren hatte es der Berliner Dialekt nicht leicht, denn nach dem Fall der Mauer fiel plötzlich auf, dass West- und Ostberliner anders sprechen. Im Ostteil der Stadt wurde mehr berlinert als im Westteil, sodass Westberliner den starken Dialektgebrauch der Ostberliner als ordinär oder „Proletendeutsch“ bewerteten. Umgekehrt bewerteten die Ostberliner das im Westteil verbreitetere Hochdeutsch als gebildet und hochnäsig.

Heutzutage hat das Berlinerische einen etwas besseren Ruf und gilt sogar als warmherzig und stets sehr direkt. Doch wie bei allen Dialekten gilt es immer noch als etwas ungebildet, verfällt man zu sehr in diese Sprechweise.

Wörter mit Berliner Ursprung

Es gibt einige Wörter, die laut meinen Nachforschungen aus dem Berliner Dialekt stammen, jedoch auch in anderen Teilen Deutschlands bekannt sind oder sogar im umgangssprachlichen Deutsch verwendet werden. Einige dieser Wörter sind beispielsweise:

Pampe (etwas breiiges, vermischtes, nicht sehr ansehnliches)
piekfein (sehr fein herausgeputzt)
Quadratlatschen (ziemlich große Füße)
Remmidemmi (laute Feier, Krach)
sich kabbeln (streiten)
Wampe, Plauze (dicker Bauch)

Diese Wörter sind nur eine kleine Auswahl, die zumindest ich schon kannte, bevor ich etwas über das Berlinerische erfahren habe. Es gibt also auch den umgekehrten Fall, dass das Berlinerische Einfluss auf das gesprochene Deutsch hatte!

Pfannkuchen sind nicht gleich Pfannkuchen

Berlin ist meines Wissens die einzige Stadt, in der man auf gar keinen Fall „Berliner“ zu diesen meist mit Frucht gefüllten und mit Puderzucker bestreuten runden Backwaren sagt. Hier bestellt man ausschließlich Pfannkuchen. Möglicherweise sagte man außerhalb Berlins früher noch „Berliner Pfannkuchen“ und das Wort Pfannkuchen fiel weg, sodass nur noch das Wort „Berliner“ blieb. Das Irritierende ist allerdings, dass das, was gemeinhin als „Pfannkuchen“ gilt, in Berlin Eierkuchen heißt.

Also:
Berliner = Pfannkuchen
Pfannkuchen = Eierkuchen

Warum das so ist, konnte ich noch nicht herausfinden. In meiner Heimat sagt man übrigens „Kreppel“ zu Berlinern – das am Rande.

Wie sagt man bloß die Uhrzeit?

Es ist nicht immer einfach, die Entscheidung, wie man jetzt die Uhrzeit sagen soll: Sieben Uhr fünfzehn, Viertel nach sieben oder gar viertel acht?
Der Berliner tendiert dazu, zu Viertel nach sieben einfach viertel acht zu sagen. Und zu Zeiten wie Viertel vor acht wird gerne dreiviertel acht gesagt, was zu einigen Irritationen führen kann, wenn man diese Angabe noch nie zuvor gehört hat. Anders als man denken könnte, ist dies aber nicht ursprünglich Berlinerisch, denn in Süddeutschland wird man diese Zeitangaben genauso hören.

Hippe Wörter für Touristen

Reiseführer übertreiben ja gerne mal, um Touristen weiszumachen, sie wären besonders Berlinerisch, indem sie bestimmte Wörter benutzen. Meine Vermutung ist, dass diese Reiseführer die Bezeichnungen manchmal sogar selbst erfinden – und das beziehe ich jetzt nicht nur auf Berlin. Ich habe zumindest noch nie einen Berliner zum Fernsehturm „Telespargel“ sagen gehört oder zur Gedächtniskirche „Hohler Zahn“, oder, schlimmer noch, zum Haus der Kulturen der Welt „Schwangere Auster“. Benutzt man einfach die normalen Namen für diese Bauwerke, macht man nichts verkehrt.

„Ich hab da was zu stehen!“

Besonders aufgefallen sind mir immer wieder Sätze wie „Ich hab da was anderes zu stehen“ oder „Ich hab n Fahrrad im Keller zu stehen“, da ich diese Konstruktion noch nie vorher gehört hatte. Darauf Angesprochene konnten nicht nachvollziehen, warum das falsch sein sollte, sodass ich eines Tages einmal im Duden „Richtiges und gutes Deutsch“ (Auflage 2001) nachschlug und fündig wurde:

stehen:
(…)
3. etwas zu stehen haben: Der Gebrauch der Infinitivkonjunktion „zu“ bei „stehen“ in diesen mit „haben“ gebildeten Fügungen ist landschaftlich (Berlin) und gilt standardsprachlich als falsch: Sie hat einen schönen alten Schrank in ihrem Zimmer stehen (nicht: zu stehen).

zu:
1. Die Infinitivkonjunktion „zu“ bei den Verben liegen, stehen, wohnen usw. (etwas im Keller zu liegen, zu stehen haben): Der Gebrauch von „zu“ bei den Verben liegen, stehen, wohnen usw., wenn sie mit „haben“ das Prädikat bilden, ist landschaftlich und gilt standardsprachlich als nicht korrekt. Er kommt vor allem in Berlin und in Niedersachsen vor.
Es muss also heißen: Er hatte dreitausend Mark auf der Bank liegen (nicht: zu liegen).
Wir haben unsere Mutter bei uns wohnen (nicht: zu wohnen).


Korrekt ist natürlich die Verwendung von „zu“ zusammen mit „haben“ dann, wenn eine Aufgabe oder Notwendigkeit ausgedrückt wird: Sie hatte viel zu tragen (= musste viel tragen). Du hast zu schweigen (= musst schweigen).

Das Plusquamperfekt – eigentlich kein Fehler

„Ich war gestern noch bis ein Uhr wach geblieben.“
„Ich war erst heute Morgen noch bei ihm gewesen.“
Diese Sätze sind ebenfalls schöne Beispiele für das Berlinerische, wobei die Sätze nicht mal unbedingt grammatikalisch falsch sind, ersetzt man „war“ durch „bin“ oder lässt einfach das Partizip weg (also: „Ich war gestern noch bis ein Uhr wach“ oder „Ich bin gestern noch bis ein Uhr wach geblieben“). Jedoch scheinen viele Berliner der Meinung zu sein, es reiche nicht, nur die einfache Vergangenheit oder das Perfekt zu benutzen, sodass häufig das Plusquamperfekt benutzt wird.

Der Akkudativ

Zu guter Letzt möchte ich noch einen Kasus ansprechen, den es im Berlinerischen und in anderen Mundarten gibt – der Akkudativ. Der Akkudativ ist eine Mischung aus Dativ und Akkusativ, da im Berliner Dialekt oft kein Unterschied zwischen diesen beiden Fällen gemacht wird. Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung:

Er hat mich angerufen. (Akkusativ)
Er hat mir eine Blume geschenkt. (Dativ)

Im Berlinerischen wird in beiden Sätzen „mir“, oder noch einfacher „ma“ verwendet. Ein schönes Beispiel ist auch das bekannte „Ick liebe dir“. Im normalen Sprachgebrauch wäre es ein Akkusativ, im Berlinerischen wird der Satz genau genommen zum Dativ.

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Überblick über Besonderheiten im Berlinerischen geben. Natürlich gibt es noch viel mehr Grammatik- sowie Ausspracheregeln, die ich hier ganz außer Acht gelassen habe. Wer neugierig geworden ist und sich noch weiter mit dem Dialekt auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das Buch „Berlinerisch, das Deutsch der Hauptstadt“ von der Sprachwissenschaftlerin Sybille Kohls.


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