Fieses Versteckspiel im Varieté


„Kutte?!“, rief Meyer erstaunt aus. „Was macht Du denn hier? Und warum trägst Du dieses Schweinekostüm? Und wo warst Du gestern Abend? Und wieso bist Du geflohen, als ich ‚stehngeblieben‘ gerufen habe? Und wo ist denn nun Schmydzler?“, ergossen sich Meyers Fragen wasserfallgleich auf den immer noch bedröppelt am Boden liegenden Informanten in rosa. „Nun“, wollte dieser in einem Tonfall zu einer Erklärung ansetzen, den Meyers geschultes Verhör-Gehör als einen erkannte, der ein mittleres Epos mit, wie er Kutte kannte, entsprechendem Tonfall, ankündigte, weswegen er Kutte, nachdem er ihm auf die Beine geholfen hatte, unterbrach, noch bevor dieser ein weiteres Wort sagen konnte, und ihn zur nächsten freien Bank geleitete, wo Kutte, nachdem er sich noch einmal geräuspert hatte, sodann mit seiner Erklärung fortfuhr:
„Nun, um Deine Fragen der Reihe nach zu beantworten: Ich hab hier auf Dich gewartet, weil auch ich es war, der Dir den Zettel mit dem Treffpunkt in Schmydzlers Klosettschüssel hinterließ. Das ist auch der Grund für meine Kostümierung: Ich hatte Schmydzlers Hotelzimmer aufgespürt, jedoch ohne Schmydzler darin. Aber in ihm einen Hinweis auf Schmydzlers weiteres Verbleiben. Doch dann läutete plötzlich der Fernsprecher, und in meiner Euphorie wegen des Hinweisfindens war ich dumm genug, ranzugehen. Am anderen Ende hörte man nur die Geräusche der Hotellobby, und sofort wurde mir klar, dass es niemand anderes als Amerijaks Leute sein konnten, die hören wollten, ob Schmydzler zu Zimmer sei, um ihm einen Besuch abzustatten. Ich musste also schnellstens fliehen, aber auch sicherstellen, dass ich ihnen dabei nicht über den Weg lief, oder sie mich zumindest nicht erkannten. Also schlüpfte ich in das einzige, was sich von den im Zimmer befindlichen Gegenständen als Larve eignete: nämliches Schweinekostüm. Bevor ich mich aus dem Staub machte, musste ich Dir natürlich noch eine Nachricht hinterlassen, die Amerijaks Häscher aber nicht finden durften: also ins verkrustete und gut gefüllte Klosett damit, denn ich kenne ja Deine Gründlichkeit beim Hinweissuchen ebenso wie deren Abneigung gegen Kacke! Auf dem Gang hastete ich dann auch tatsächlich an Amerijaks Schergen vorbei, die mich auch ebenso tatsächlich nicht erkannten! Um nicht noch mehr Leute neugierig zu machen, bezahlte ich unten angekommen noch schnell Schmydzlers Rechnung – offenbar hatte vom Hotel noch niemand gemerkt, dass Schmydzler nicht mehr dort nächtigt –, denn Geld hatte ich wundersamerweise auch im Zimmer gefunden. Und gestern Abend hab‘ ich Bahlsen geschickt, mit der Nachricht, mich im Hotel zu treffen, da ich noch einer heißen Spur nachgehen musste. Und weggerannt bin ich eben, weil … ich weiß auch nicht. Stress, Hektik, Paranoia. Doch jetzt zum Wichtigsten: In Schmydzlers Zimmer hab‘ ich ein aktuelles Faltblatt von Großen Otto gefunden, dem, wie Du ja weißt, stadtberühmten Magier. Die beiden scheinen also immer noch unter einer Decke zu stecken. Deswegen mein Tip: Geh zu Otto, gleich hat er letzte Vorstellung, und quetsch ihn zart aus!“
Ganz benommen von Kuttes Redeschwall nach der zwar kurzen, aber nichtsdestoweniger kräftezehrenden Verfolgungsjagd beschloss Meyer blitzschnell, gar nicht weiter über die Logik oder Un- von Kuttes Geschichte nachzudenken, geschweige denn nachzufragen, sondern bedankte sich für den Tipp und wankte Richtung Parkausgang, um sich, diesen passiert habend, gen Innenstadt zu wenden, um die Spätvorstellung des Großen Otto heimzusuchen.

Beim Varietétheater des Großen Otto angekommen, entpuppte sich dieses als ein etwas geräumigerer Keller und die Vorstellung als schon begonnen habend. Meyer versuchte, die Treppenstufen bis zum Parkett möglichst unauffällig hinabzusteigen, um nicht von Otto entdeckt und ob seines Zuspätkommens als unfreiwilliger Assistent rekrutiert zu werden, doch: Zu spät, im doppelten Sinne.
„… am Besten Sie, der junge Herr auf der Treppe, kommen Sie doch bitte zur Bühne, um zum Gelingen meines nächsten Kunststücks beizutragen!“, sagte der Große Otto mit öliger Conferencierstimme, hocherfreut, ein so billiges Opfer gefunden zu haben.
Na prima, das hatte gerade noch gefehlt! Doch was tun als zu gehorchen, schließlich wollte Meyer Otto nicht missstimmen, da er ihm nach der Vorstellung ja noch Rede und Antwort stehen sollte. Hoffentlich musste Meyer nur nicht wieder den zersägten Altmann geben, wie auf der letztjährigen Geburtstagsfeier seines kleinen Neffen, der dabei pikanterweise den Zauber- mit dem Werkzeugkasten verwechselt hatte – bei Frühnebel und Sprühregen schmerzte die Narbe noch immer.
Meyer tat also wie ihm geheißen wurde und betrat weichen Knies und schweren Herzens die Bühne, unter dem müden Applaus der übrigen Zuschauer. Die Frage nach seinem Namen beantwortete er wie immer bei solchen Gelegenheiten mit Alois Weberknecht, was beim Publikum einige verwunderte Gesichtsausdrücke hervorrief. Wenigstens das! Der Große Otto erklärte derweil den nächsten Trick, der darin bestand, dass Meyer in einer Art Schrank eingeschlossen wurde, der anschließend mit Bunsenbrennern, Kettensägen und rostigen Laubharken bearbeitet wurde. Völlig ungefährlich, wie er Meyer heimlich zuflüsterte; höchst lebensgefährlich, wie Otto dem Publikum versicherte, dies habe noch niemand überlebt. Nun denn!
Für Meyer stellte sich das Ganze dann recht unspektakulär dar, denn sobald sich die Schranktür schloss, öffnete sich die Rückwand, und er wurde mit einem auf die Lippen gepressten Zeigefinger von einer von Ottos Assistentinnen in ein sich noch hinter dem Bühnenvorhang befindliches Zimmer geführt, und bevor sich dessen Tür schloss, hörte er gerade noch, wie der Große Otto dem Publikum ankündigte, er habe es sich anders überlegt und werde Weberknecht nun für immer verschwinden lassen.

Nach einigen Dutzendminuten des Wartens im Verhau hinter dem Vorhang, während dessen sich Meyer ausführlich seine Verhörstrategie zurechtlegte, erschien schließlich der Große Otto in der Tür: Die Vorstellung sei ein voller Erfolg gewesen, vielen Dank auch für die Mitarbeit, ob er denn noch etwas tun könne, um sich erkenntlich zu zeigen?
„In der Tat, das können Sie“, erwiderte Meyer, innerlich hocherfreut, dass das ganze so gut anfing. „Es geht um Herrn Schmydzler, mir wurde gesagt, Sie hätten jüngst mit ihm Kontakt gehabt, und ich würde Sie bitten, mir alles mitzuteilen, was dazu beitragen könnte, den alten Knaben zu finden.“
„Soso, Schmydzler, die alte Pflaume … nun, wissen Sie, die Sache ist die …“, womit ein ebenso langer wie weiliger Monolog begann, den Meyer jedoch nicht zu früh unterbrechen wollte, denn Otto schien sich ausgesprochen gerne reden zu hören. Nach einer Weile aber hörte Meyer nur noch mit halbem Ohr hin und hoffte, der Große Otto würde bald auf den Punkt kommen, da plötzlich wurde das Salbadern interessant:
„Und Sie werden müde, ganz müde, Ihre Augenlider werden schwer, schwer wie Blei …“, hörte Meyer Otto schmeicheln, während er ihm plötzlich mit einer rostigen Taschenuhr vor den Augen herumpendelte. Meyers Augenlider begannen, herniederzusinken, während Otto fortfuhr: „Sobald ich Sie aufwecke, werden Sie sich an nichts erinnern, aber den unwiderstehlichen Wunsch verspüren, unverzüglich nach Timbuktu auszuwandern, dort einen Stamm zu gründen und bis ans Ende Ihrer Tage zu hausen. Schmydzler werden Sie völlig vergessen haben, auf ewig!“ Meyers Augen fielen zu.

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