Ein Blick in den Duden verrät uns, dass ein Medium ein „vermittelndes Element“ ist. In Form eines Buches vermittelt es zwischen dem Autor und dem Leser, das Radio vermittelt zwischen dem Sprecher und dem Hörer, der Film gewissermaßen zwischen dem Regisseur und dem Zuschauer und so weiter. Normalerweise werden bei dieser Vermittlungsleistung lediglich Zeit und Raum überbrückt, doch ein ganz besonderes Medium nimmt für sich in Anspruch, einen noch viel grundlegenderen Abgrund zu überwinden: den zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich. Hierbei nimmt ein Mensch die Rolle des Mediums ein, statt aus Papier, Zelluloid oder elektromagnetischen Wellen ist das Medium also aus Fleisch und Blut.


Heutzutage begegnen wir solchen Medien häufig in einem anderen Medium, dem Fernsehen. Wer schon einmal Astro TV eingeschaltet hat, könnte Bekanntschaft mit Medien gemacht haben, die einer hilfesuchenden Anruferin wie aus der Pistole geschossen offenbaren, dass es dem verstorbenen Partner im Leben nach dem Tode zwar selbstverständlich blendend gehe, er aber doch ein wenig enttäuscht darüber sei, dass sie ausgerechnet die alte Stehlampe kürzlich zum Sperrmüll gegeben habe, die doch immer sein Lieblingsmöbelstück war.

Durch das Medium können die Toten also vorgeblich mit den Lebenden kommunizieren, wobei dies klassischerweise nicht im Fernsehen stattfindet, sondern bei einer Séance, einer spiritistischen Sitzung. Zwar ließ schon in der Bibel die Hexe von Endor den verstorbenen Propheten Samuel erscheinen, die moderne Spiritismus-Begeisterung nahm ihren Anfang aber erst vor gut 150 Jahren in Nordamerika.

1847 zogen die Fox-Schwestern, Margaret und Catherine, mit ihrer Familie in den Bundesstaat New York, und zwar in ein Haus, in dem schon vorher unerklärliche Klopf-Geräusche zu hören gewesen sein sollen. Im Gegensatz zu den vorherigen Bewohnern gelang es Catherine Fox im Kindesalter aber nach eigener Aussage 1848, mit dem Urheber der Geräusche zu kommunizieren: Es handele sich um den Geist eines im Haus ermordeten Mannes, den sie zunächst dazu gebracht habe, so oft zu klopfen, wie sie ihre Finger schnippte. Bald hätten sich die beiden auf einen Klopf-Code verständigt, der ausführlichere Unterhaltungen ermöglichte.

In der Folge veranstalteten die Fox-Schwestern öffentliche Demonstrationen ihrer Kunst, die sofort auf große Resonanz stießen. 1850 reisten sie mit einer dritten Schwester nach New York, um dort regelmäßige Séancen abzuhalten. Von der sich immer weiter ausbreitenden Begeisterung für die Kommunikation mit den Toten wurden dabei bemerkenswerterweise alle Gesellschaftsschichten angesteckt, so der Zeitungsverleger Horace Greeley, der den Lesern seiner New York Tribune die Schwestern ans Herz legte. Schon bald reisten die Fox-Schwestern durchs ganze Land, und es gab zahlreiche Nachahmer und spiritistische Organisationen, wie die 1893 gegründete National Spiritualist Association.

In den 1870er-Jahren fuhren die Schwestern nach England, wo sie ebenfalls große Erfolge feierten. Hier gehörte unter anderem der Physiker und Chemiker Sir William Crookes zu ihren Anhängern, seines Zeichens Präsident der britischen Royal Society, der ältesten wissenschaftlichen Gesellschaft der Welt. Zum enthusiastischsten Werber für den Spiritismus entwickelte sich aber Arthur Conan Doyle, dessen berühmteste Erfindung Sherlock Holmes nicht im Verdacht steht, etwas für übernatürliche Phänomene übrig zu haben. Der Zauberkünstler Harry Houdini wurde hingegen zu einem der leidenschaftlichsten Gegner der Bewegung und machte sich sein Wissen um Bühnentricks zu nutze, um spiritistische Auftritte als Hokuspokus zu entlarven.

Ende der 1880er-Jahre erklärte Margaret Fox selbst schließlich, dass alles nur ein Scherz gewesen sei, um ihre Mutter reinzulegen, und die Geräusche von ihr und ihrer Schwester hauptsächlich mittels ihrer Zehen produziert wurden. Die Spiritisten glaubten ihr natürlich nicht und erklärten sich Margarets Aussage mit Geldnot und ihrem Alkoholismus. Später zog sie ihre Beichte dann auch zurück, um sich abermals der Kommunikation mit den Toten zu widmen.

Von simplen Klopfgesprächen entwickelten sich die Séancen, bei denen das Medium meist in Trance verfällt, dabei schon bald zu wahren Multimedia-Veranstaltungen: Körperlose Stimmen waren zu hören, die sich entweder des Sprechorgans des Mediums bedienten, oder völlig ungebunden aus dem Jenseits berichteten. Alternativ teilten sich die Toten auch durch automatisches, also unwillkürliches, Schreiben des Mediums mit, oder durch ein Ouija-Brett. Dieses begann seine Existenz in den 1880er-Jahren als harmloses Gesellschaftsspiel und wurde erst im Ersten Weltkrieg durch die Spiritualistin Pearl Curran als Kommunikationsmittel mit dem Totenreich popularisiert,1966 erwarb der Gesellschaftsspielverlag Parker Brothers die Rechte an dem Brett. Die Königsdisziplin bei Séancen dürfte aber wohl das Auftauchen von Ektoplasma sein: Eine helle, zähflüssige Substanz, die aus dem Körper des Mediums hervorquillt und Hände, Gliedmaßen, Gesichter oder ganze Körper entstehen und Dinge (auch das Medium selbst) schweben lässt. Am Ende verschwindet es wieder dorthin, wo es her kam. Das alles gibt es bei Astro TV leider nicht zu sehen.



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